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ÜBER DAS WANGENFLEISCH

Mein Projekt zum Thema „…du musst frei sein“ wurde vom artist in residence Paul Gulda ausgewählt und wird von Musik Aktuell 2020 gefördert.

In meinem Verständnis bedeutet Freiheit eigentlich „nichts zu suchen und nichts zu finden“.
Sie ist in uns ursprünglich angelegt als unsere aller innerlichste Natur. In unserem Geist spiegelt sich diese Freiheit, jedoch auch Unfreiheit.

Unfreiheit ist das Ergebnis unserer dualistischen Sichtweise. Der Unterscheidung in gut oder schlecht, der Trennung zwischen mir und anderem. Wer sich nun bemüht Unfreiheit gegen Freiheit zu tauschen kommt bald an seine Grenzen, weil ja gerade dieses Begehren Auslöser von Unfreiheit ist.

Dieses Thema beschäftigt mich seit Jahrzehnten und hat in Bezug auf mein Musikschaffen seine Vertiefung gefunden während eines einjährigen Studiums der spirituellen Musik Japans, Shomyo und Gagaku, in Kyoto (vor ca. 30 Jahren). Die Frage war: wie kann ich leben und wie musizieren mit geringstmöglicher Identifizierung mit einem illusionären, begrenzten Selbstbild, dem eigentlichen Grund für Unfreiheit.

Ich fand zu einigen Merkmalen: Loslassen von verfestigten, zulassen von befremdlichen, eine Geisteshaltung einnehmen die keine schnellen Bewertungen unternimmt, nicht in erster Linie publikumsorientiert sein, keine Spuren hinterlassen wollen, keine Anerkennung begehren. In der selbstvergessenen Vertiefung, dort wo es keinen Beobachter mehr gibt, erhellt sich die Freiheit von selbst.

Dieser Aufgabenstellung widme ich mich allein über die Improvisation.

MEIN SPIRITUELLES LIEBLINGSBUCH (Ursache & Wirkung)

Obwohl erst vor Kurzem erstanden kann ich „Die Kunst des letzten Augenblicks“ bereits zu meinem Lieblingsbuch ernennen. Todesgedichte japanischer Zen Meister und Sterbegedichte von Haiku Dichtern, erschienen im Herder Verlag.

Diese Gedichte, geschrieben im Bewusstsein des nahen Todes, können auf einer sehr tiefen Ebene berühren. Das gesamte Leben und Streben mit einigen wenigen Worten, heruntergebrochen auf den Tod, schafft Essenz. Die Quintessenz davon lässt ein inneres Glöcklein anklingen.
Diejenigen, die ihr Interesse, dem Tod nicht unvorbereitet zu begegnen, bereits erweckt haben können sich damit über den Staub der Belanglosigkeiten hinaustragen lassen, zu einer weitreichenden Sicht auf ihr Selbst sein. Poesie, die auffordert uns zu befreien, vom schweren Rucksack der Ich-Identifikation, vom Klammergriff auf Seifenblasen.

Vielleicht kann die Schlichtheit der Gedichte aber auch verwundern, angesichts der Größe des Themas.

Wenn es kommt – einfach so!
Wenn es geht – einfach so!
Kommen und gehen ereignen sich jeden Tag
Die Worte, die ich jetzt spreche – einfach so!
Von Musho Josho

Ich weiß nicht ob es einer spirituellen Vorbereitung bedarf um diesen Worten ein offenes Gefäß sein zu können, aber hilfreich ist eine Zen-Vertrautheit dafür ganz bestimmt. „Einfach so“ wird dann zur Aufforderung „die Dinge zu sehen wie sie sind“ Denn der Tod vernichtet nur den Glauben an ein abgetrenntes Selbst, nicht das Leben.

Einen Großteil des kleinen Buches nehmen die Haiku Dichter ein. Dabei steht nicht mehr die Dharmabelehrung im Vordergrund. Und auch wenn die Sterbegedichte oft persönlicher gefärbt sind als übliche Haikus, merkt man bald dass die spezielle Haikuform, auf Grund ihrer konzentrierten Kürze, ihrer Unmittelbarkeit und Bildlichkeit, sich sehr für eine vertiefte Kontemplation eignet.

„Er scheint auf
So leicht, wie er verblasst:
der Leuchtkä fer
Von Chine,gestorben am fünfzehnten Tag im fünften Monat 1688 im Alter von achtundzwanzig Jahren.

Ein Haiku hat immer auch etwas Unvollendetes an sich, denn der Leser soll die Möglichkeit haben nachzufühlen, was unausgesprochen, vielleicht sogar unaussprechbar, mittransportiert wird.

Ein Haiku zu schreiben heißt, eine Knospe hervor zu bringen, ein Haiku zu lesen bedeutet, die Knospe zur Blüte zu entfalten.

Auf einer Reise, krank:
Meine Träume irren
über vertrocknete Felder.
Von Basho der behauptete, jedes seiner Gedichte könne sein Sterbegedicht sein.

Den Gedichten und Haikus geht eine Einführung voraus, von Yoel Hoffmann, Erläuterungen zur Sterbepoesie in der Kulturgeschichte Japans, einer Gattung zwischen Ernst und Humor. Dabei erfährt man dass die Tradition Sterbegedichte zu schreiben nicht unumstritten ist unter den Zen-Praktizierenden und zu satirischen Kommentaren provozierte:
„Nach der Genesung verbessert er den Stil seines Sterbegedichtes. „

Und auch ein Sterbeversager kommt zu Wort:

Ein ganzes Leben lang habe ich mein Schwert geschärft,
Und jetzt, Aug in Auge mit dem Tod,
Zieh ich es aus der Scheide, und da—
Ist die Klinge zerbrochen—
Ach!

Kein anderes Thema als der Tod lässt die Verbundenheit aller lebenden Wesen stärker ins Bewusstsein rücken. Mit allen teilen wir, seit unserer Geburt, die tödliche Diagnose. Aber viel weniger dramatisch wird es sobald wir ahnen dass die Dinge nicht so sind, wie wir sie denken. Für mich erschließt sich aus der Lektüre dass es eine bedingungslose Hingabe an das Leben als Ganzes braucht um schließlich sagen zu können: Ende gut, alles gut.

Werner Kodytek baut Stupas und gestaltet zeitgenössische Musik zu buddhistischen Inhalten. Seine Vertonung von Sterbe -und Erwachungsgedichten koreanischer Zenmeister unter www.kodytek.at /WAKA 1-5.. Eine Video arbeit trägt den Namen „Jizoreich und bezieht sich auf Ksitigarbha Bodhisattva, der in Japan als Wegbegleiter der Sterbenden gilt.

DREI DÖRFER WEITER

Wohnwagen Flugzeug f Homepage


Robbie Litvai: beat and synth
Werner Kodytek: n`Goni und Stimme

Drei Dörfer nach Pusztacsalád, in einem alten Wirtschaftsgebäude eines ehemaligen Nonnenklosters, lebt der  Einsiedler und gottlose Sadhubaba  Robbie Litvai, mit vielen Schafen und einem elektronischen Schlagzeug.

Bei unseren musikalischen Zusammenkünften  schwingt stets  ein Loblied mit auf  den runden Geist, wahnfrei in der Ebene und selbstvergessen zwischen den Wolken.

Wir sagen musizierend: es ist schön, ein stilles Leben zu führen.

Und wir sagen das, eben weil es eigentlich nichts zu sagen gibt (J.Cage).

Und, weil Worte Lügen sind (J.Sasaki Roshi), bevorzuge ich es zu glossolalieren.

HABT VIELEN DANK FÜR ALLE GUTEN WÜNSCHE

Habt vielen Dank für alle guten Wünsche. Meine späte Reaktion ist der Zeitlosigkeit geschuldet, der hier auf Samos nicht zu entkommen ist. Der Grund ist das Meer. Seine Grundierung aus kobaltviolett, ultramarin, kobaltblau, coelinblau, phthalblau, chromoxidgrün und kadmiumgrün, später auch elfenbeinschwarz. Darüber eine Schicht Licht. In der Luft Kräuterhonigduft. Blüten überall, wobei schon eine allein ausgiebig verzücken kann.

Heute Nacht hab ich geträumt einem hohen chinesischen Militärbeamten Mayonnaise auf seinen Uniformkragen geschmiert zu haben. Danach wurde ich verhaftet. Kurz vor der Verurteilung bin ich aufgewacht mit dem Gefühl, einer drakonischen Strafe entkommen zu sein.

Tatsache ist dass nun schon am Donnerstag den 24.5. mein Prostatakrebs operiert wird. Nur ein Routineeingriff für den Roboter der barmherzigen Brüder, sagen jene. Für mich jedoch eine einmalige Gelegenheit für einen letzten Wunsch:

Mögen wir nie nachlassen in der Bemühung um die Kultivierung unserer Herzen.

Meine Feldforschung liegt jetzt im Vorfeld der „Kunst des letzten Augenblicks“ Reizvoll bleibt dabei die Vorstellung, nach einer etwaigen Genesung noch weitere letztere Abschiedstext/wünsche verfassen zu können. Es mag kommen wie es will, ichi  (x)  halte die Ohren steif. Jedoch nicht so wie die Fledermäuse. Sie sehen Geräusche als Licht und sind dann verwirrt wenn es beides gibt.

(x) Ichi – ein sympathischer Schreibfehler dem ich sofort einiges abgewinnen konnte:

Zum einen verbindet er das gemeine Wort „ich“ mit der wienerischen Kurzfassung, welches sogleich eine Gaumensegelspannungslockerung mit sich führt.

Zum anderen ist es eine Übersetzung des englischen Wortes „selfie“ – der Handymanie der Selbstbelichtung.

Außerdem würde auch jeder deutschsprechende Japaner ichi statt ich sagen.

Ichi ist Frage und Antwort zugleich und als Palindrom zu lesen wie einen Lebenslauf: vom Anfang oder vom Ende.

WEIL DAS WICHTIGSTE AM SIEB DIE LÖCHER SIND

Das Konzert, aufgenommen am 29.9.17, während der Ausstellung von Susanne und Michael Guzei, im Artopia Wien, markiert den Beginn meiner Beschäftigung mit dem Kamele n`Goni.

Gespielt aus dem Vertrauen des Anfängergeistes, dass bereits die kleinste Knospe die Vollendung an sich ist.  Dieses,  ursprünglich in Westafrika beheimatete Instrument, begleitet mich jetzt in einen neuen Abschnitt, in eine neue Lebensqualität.

Nach jahrzehntelanger Krankheit mit drastischen Auswirkungen gegen Ende zu, konnte die neue Hepatitis-C -Therapie gerade noch rechtzeitig mich schließlich gesunden lassen. Mit diesem neuen Lebensgefühl wechselte ich auch das mich begleitende Instrumentarium. Mein bisher bevorzugtes Musikinstrument, das Kayagum – die koreanische Wölbbrettzither – hat mich durch die energieschwache Zeit geführt und mich aufgebaut, durch meine Freude am Spiel. Diesem Lebensverlängerer, dem zwölffach besaiteten hölzernen Heiland gebührt mein aufrichtiger Dank.

Geschichten aus dem alten China erzählen Bestätigendes und dabei dreht sich kein Unsterblicher im Grabe um. In ihrem Bemühen um Lebensverlängerung praktizierten die taoistischen Eremiten das Hören des Ohrenlichtes, ein erleuchtendes nach Innen Hören. Zur Hilfe nahmen sie dabei die Gujin – die chinesische Wölbbrettzither.

Nun lehnt meine Zither aber  an der Wand und statt dessen erklingt die n`Goni zusammen mit der Fujara, einer slowakischen Obertonflöte. Die Kürbiskalebasse und der Holunderstamm.

Von Michael Guzei stammen alle fotografischen und videotechnischen Arbeiten.

Seminar: SHOMYO – Gesänge der Mahayanatraditionen

shomyo notation

Freitag, 28. Juli 2017, 18:00 – Sonntag, 30. Juli 2017, 14:00
Leitung: Werner Kodytek
Ort: BergZendo Hohe Wand – www.bergzendo.at

In Japan bedeutet Shomyo die gesangliche Verlautbarung des Buddhadharma.

Dabei werden drei Arten unterschieden:

  • Langgezogene Hymnen
  • Anrufung von Buddha- oder Bodhisattvanamen
  • Syllabische Rezitationen (wie in der Zen-Praxis üblich)

Im Verlauf der Verbreitung des Dharma, von Indien ausgehend über China nach Japan und Korea, wurde das Singen zu einem bedeutsamen „geschickten Mittel“ für die Praxis des Einzelnen wie für die Sanghapraxis. Im Seminar sollen ausschließlich Gesänge aus ostasiatischen Mahayanatraditionen überliefert werden, wobei die syllabische Rezitation vernachlässigt wird.

Das Wochenende wird eine Abwechslung von stillem Sitzen und Gehen, Singen im Sitzen und Gehen, unterstützenden Atem- und Körperübungen, meditativem Spazieren im Naturpark Hohe Wand und Samu (leichte Arbeiten im Haus) sein.

Gesangliche Qualifikation ist keine erforderlich: „Selbst wer auch nur mit zaghafter Stimme den Dharma preist, ist schon am Buddhaweg.“ (Lotus-Sutra)

Seminarbeitrag:
Nächtigung und vegetarisches Essen: Euro 110,–
Dana für die Seminarleitung (wird für die Renovierung des BergZendos Hohe Wand verwendet)

Links:

www.kodytek.at/Texte/Gesänge vom Fischberg
You Tube: „shomyo: buddhist ritual chant“

Anmeldung bis 10. Juli 2017: w.kodytek@gmail.com

(Bild: Ältestes gedrucktes musikalisches Manuskript Japans (1472). Sammlung von Shomyo-Gesängen)

WINTER IN DER VIHARA

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tiefgefrorene reliquien in ytong
januar der kleinen tiefebene
augenblicke fallen in den schnee
weiße vögel aus eis und ei

aus unseren nasenlöcheriglus entweicht die restwärme
innen und außen scheinen überwunden

doch wildgänse schreiben fliegend
gemeinsam tragen sie ein S über den himmel
von osten nach westen
andere ein Z von westen nach osten
die kalligraphie will heißen
SZAK (ungarisch: zeitabschnitt)

unter ihr die bambusfront
vielblättertosend mit dem sturm

leiser der erfrorene teich

nur weil es nichts gibt
kann es sowas geben