Archiv der Kategorie: VIDEOS

NASCHMARKT NÄCHTLINGS (1/22)

…Das weite Land des Seins, das Land, welches vor Sprache und Verstehen bereits existiert, bietet weit mehr Wirklichkeit…
Um es zu betreten, genügt eine gewisse Portion Absicht und eine Verbeugung. Es bedeutet einen Riesenvorteil, wenn man es mag. Das mögen bringt etwas Unbesiegbares mit sich.
Briant Rokyta
Koreanische Wölbbrettzither Kayagum auf Rollpiano,

NEW YEAR TALE 2022

Im neuen Jahr können wir wieder wählen zwischen den drei Arten des Denkens.
1. das westliche, das endlos Dualitäten postuliert.
2. das chinesische, dass in jedem Part der Dualität die Ergänzung des anderen offenbart.
3. das indische, dass davon ausgeht, dass die beiden Parts der Dualität ein und dasselbe sind.

Was mich betrifft versuche ich meinen Geist offen und wach zu halten.
Als Resultat höre ich alles Dissonante Konsonant.

Geschichten vorm roten Teppich (12/21)

Erfinden wir unsere eigene Sprache, Geliebter, und uns werden die Augen groß:
Dinge sehen wir dann, die niemand sah, Wege zwischen den Wolken, Lieder in den Weizenfeldern.
Unter die Röcke sehen wir dann dem Wind, wie seine Lippen das Wasser küssen.
Wir gehen dann ungezwungen, ohne Schuhe und nackt, wie unsichtbare Geister.
Worte und Lachen malen wir dann auf die Mauern in der Welt, während aus unseren Körpern die Liebe strömt,
sprudelnd, gluckernd, plätschernd wie aus Brunnen.
Gioconda Belli, nicaraguanische Schriftstellerin und Lyrikerin

ON STAVROS BEACH 9/2021

So weit ich mich erinnern kann bin ich blau zur Welt gekommen. Jahrzehnte später, nach bunten Treiben, bin ich auch einen blauen Tod gestorben. Ein überraschender Knick im milchig weissem Vollmondlicht. Jetzt bin ich zurückgekehrt, dorthin wo ich noch niemals war. In jene Bucht wo Anthony Quinn als Alexis Sorbas Sirtaki tanzte. Hier zeigt es sich wieder, in der Blau-heit sind großer Zweifel und große Zuversicht untrennbar miteinander verbunden. Ja, wir sind Wellen und alles andere mit uns

WEIL DAS WICHTIGSTE AM SIEB DIE LÖCHER SIND

Das Konzert, aufgenommen am 29.9.17, während der Ausstellung von Susanne und Michael Guzei, im Artopia Wien, markiert den Beginn meiner Beschäftigung mit dem Kamele n`Goni.

Gespielt aus dem Vertrauen des Anfängergeistes, dass bereits die kleinste Knospe die Vollendung an sich ist.  Dieses,  ursprünglich in Westafrika beheimatete Instrument, begleitet mich jetzt in einen neuen Abschnitt, in eine neue Lebensqualität.

Nach jahrzehntelanger Krankheit mit drastischen Auswirkungen gegen Ende zu, konnte die neue Hepatitis-C -Therapie gerade noch rechtzeitig mich schließlich gesunden lassen. Mit diesem neuen Lebensgefühl wechselte ich auch das mich begleitende Instrumentarium. Mein bisher bevorzugtes Musikinstrument, das Kayagum – die koreanische Wölbbrettzither – hat mich durch die energieschwache Zeit geführt und mich aufgebaut, durch meine Freude am Spiel. Diesem Lebensverlängerer, dem zwölffach besaiteten hölzernen Heiland gebührt mein aufrichtiger Dank.

Geschichten aus dem alten China erzählen Bestätigendes und dabei dreht sich kein Unsterblicher im Grabe um. In ihrem Bemühen um Lebensverlängerung praktizierten die taoistischen Eremiten das Hören des Ohrenlichtes, ein erleuchtendes nach Innen Hören. Zur Hilfe nahmen sie dabei die Gujin – die chinesische Wölbbrettzither.

Nun lehnt meine Zither aber  an der Wand und statt dessen erklingt die n`Goni zusammen mit der Fujara, einer slowakischen Obertonflöte. Die Kürbiskalebasse und der Holunderstamm.

Von Michael Guzei stammen alle fotografischen und videotechnischen Arbeiten.

JIZOREICH (2016)

Auf dem Berg Koya-san, dem Zentrum des japanischen Shingon Buddhismus (Mantrayana),  befindet sich der Okuno-in. Ein großer Friedhof mit über 200.000 Grabsteinen, die meisten davon in Form von Stupas (jap. Gorin-to), inmitten eines Waldes voller gigantischer japanischer Zedern, manche bis zu 600 Jahre alt. Gedenksteine für prominente Mönche, aber auch Begräbnisstätten von weltlichen historischen Größen,  Künstlern, Herrschern, Samurais und dem Firmengrab von Panasonic corporation . Auch ein Insektenvertilgungsmittelhersteller hat eine Andachtsstätte gestiftet für die Opfer seiner Produkte. Am Ende eines traumhaften 2 km langen Weges liegt das Mausoleum des Shingonbegründers Kobo Daishi (Kukai), beleuchtet von Lampenlichtern, die seit seinem Tod vor über 1000 Jahren ununterbrochen brennen.

Viele denken, dass es keine Toten gibt auf diesem Friedhof, nur Wartende. Mit ihnen ist Jizo (Sanskrit: Ksitigarbha Bodhisattva, der Mutterschoß der Erde). Er ist die Personifikation jener erleuchteten Qualität, die bis in die Unterwelt wirkt. Sein Gelübde ist, niemanden abzuweisen und alle von ihrem Leiden zu befreien. Er ist der Patron der Verstorbenen, der Spieler, der Reisenden, jener die in höllische Zustände geraten sind und im speziellen der abgetriebenen Kinder.  Darum werden den Jizo-Steinskulpturen reuevoll Kinderwollhauben aufgesetzt und Lätzchen umgehangen.

Die meisten Stupas bestehen aus 5 Teilen, welche die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Wind und Raum repräsentieren. Jedem Element wird dabei ein Siddham Schriftzeichen zugeschrieben und  eingraviert in den Stein. Mit diesen Samensilben kristallisieren sich die Inhalte von Buddhas oder Bodhisattvas, Sutren, aber auch der einzelnen 5 Elemente zu jeweils einem Klang.

Als eine tantrische Praxis nützt das Mantrayana alle unsere Sinne auf dem Weg zum Erwachen und zählt dadurch sicher zu den kunstreichsten Traditionen innerhalb der gesamten buddhistischen Welt. Einen beeindruckenden Einblick darüber gibt der Schweizer Mönch Kurt Kubli Genso auf youtube „Happiness: understand your own mind – Koyasan“.

Die Fotos des Okuno-in vom Koya-san entstanden im April 2016.  Meine Musik, ausgeführt auf Kayagum und Rollpiano, ist der Versuch der Vergegenwärtigung von Jizo Bodhisattva. Es beinhaltet sein Gelübde,  seine Anrufung und die fünf Elementesilben.

HERZ SUTRA (2015)

Kayagum, koreanische Wölbbrettzither
Khene, laotische Mundorgel
Stimme

Die Musik zu dieser Kurzversion des Herzsutras will einen Zugang aufzeigen, zum Inhalt des Sutras wie zu der Praxis die diesen verwirklichen lässt.

Der in Sanskrit vorgetragene Text beginnt mit der Anrufung des Sutra-Namens und setzt fort mit der Lehre von der Leerheit. Leerheit ist nichts anderes als Form, und Form ist nichts anderes als Leerheit. Ebenso sind auch Empfindungen, Unterscheidung, gestaltende Faktoren und Bewusstsein leer.

Der Text endet mit dem Mantra: Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi svaha. Grob übersetzt: Hinüber, hinüber, gänzlich hinüber, alle gemeinsam zum anderen Ufer, so sei es.

Sicher reicht allein unsere intellektuelle Bemühung, diesen scheinbar rätselhaften Text zu verstehen, nicht aus. Dazu wird eine besondere Denkhaltung benötigt, eine wie sie im Zazen entstehen und sich daraus entfalten kann. Leerheit, die das Fehlen von dauerhafter und selbständiger Substanz ist, entdeckt man allmählich in sich selbst, im Zuge der Umwandlung unserer Kopflastigkeit zugunsten einer intuitiven Sichtweise. Leerheit unterscheidet sich nicht von der Form, also auch nicht von der musikalischen Form. Doch um Leerheit hören zu können, bedarf es auch ein anderes Hören, eines das nicht unterscheidet und sich mit dem Gehörten nicht identifiziert.

„In den Klang eingehen und doch nicht von ihm betört werden“, lautet die Anweisung von Meister Rinzai. Ein Mittel um diese Weisung anzuwenden eröffnet sich mir im freien improvisierenden Musizieren. In den Klang einzugehen bedeutet dabei, im Spiel sich zu vergessen, um so wiedererkannt zu werden vom gesamten Kosmos.

Die Ähnlichkeiten mit Zazen sind offensichtlich:
Fehlen von konventioneller Zweckbestimmung und nicht publikumsorientiert.
Kein anderes Begehren als der Fokus auf den jeweiligen Moment.
Sich weder von Harmonie noch von Missklang betören lassen,
im Vertrauen darauf dass der ursprüngliche Ausdruck nur in jener Sphäre gefunden werden kann welcher einer Unterscheidung in Gefallen oder nicht-Gefallen vorausgeht.

In dem vom Dharma inspirierten Musizieren, ebenso wie im Zazen soll ein ungebundener, freier Geist ermöglicht werden. Während des stillen Sitzens wird der Gedankenfluss nicht bekämpft, jedoch die Neigung an einzelnen Gedankengebilden festzuhalten, sie aus dem Fluß herauszuheben und aufzubauen, wird nicht unterstützt.

Ganz ähnlich mein Zugang zum freien Improvisieren mit Klängen.
Der Neigung eine Spur zu hinterlassen wird widerstrebt, kein Drama mehr, stattdessen das Staunen des Anfängergeistes.

Während dem die Essstäbchen über die koreanische Wölbbrettzither schlittern,
entstehen in jedem Moment zahlreiche Möglichkeiten,
ohne Wahl zu sein ist dabei die Übung.

Und trotzdem geht es in allen beiden Disziplinen um eine gelungene Performance. Um eine stimmige Form, sowie um Freude an der Realisierung, dass alle Töne, wie auch alle Erscheinungen, für eine gewisse Zeit aus der Leerheit auftauchen und dann wieder zu ihr zurückkehren, dass ein fortwährendes Kommen und Gehen von der Einheit zur Vielheit und von der Vielheit zur Einheit herrscht und dass das eine nicht ohne das andere existieren kann.

Die fliegenden Devis sind meinem Video „Dunhuang, die fliegenden Musiker aus den Höhlen der klingenden Sande“ www.kodytek.at entnommen.